Zur Frage der toxikologischen Äquivalente der MCS
Otmar Wassermann, Kiel
Objektiv betrachtet kann die Toxikologie beim komplexen Krankheitsbild der MCS bisher nur einen relativ kleinen Teil an wissenschaftlicher Erkenntnis beitragen, da das Krankheitsbild bzw. der Symptomenkomplex weit über dieses Fachgebiet hinausreichen und auch die biologisch-medizinische Forschung auf diesem Gebiet bisher wenig geleistet hat. Die betroffenen Menschen zeigen unterschiedliche Symptome, typischerweise aber, mehrere und an mehr als nur einem Organsystem.
Als häufigste Symptome werden u.a. genannt:
Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit, Abgestumpftheit, Konzentrationsschwäche und Gedächtnisverlust, visuelle und feinmotorische Störungen, Reizbarkeit, Depression, Übelkeit und Appetitmangel, chemischer Kopfschmerz
ähnlich einer Migräne, Augenprobleme, Atemprobleme, Schleimhautreizungen der oberen Atemwege, Grippe-ähnliche Symptome, Hautprobleme, Störungen in den Bereichen Hals, Nase und Ohren, Magen-Darm, Herz und Kreislauf, Harn- und Geschlechtsorgane sowie Muskel- und Gelenkschmerzen.
Die Symptome können somit praktisch jedes Organsystem, am häufigsten aber das Zentralnervensystem betreffen. Auch wenn die Konstellation der Symptome durchaus einem «Chronic Fatigue Syndrome» ähnelt, werden Induktion und Sensibilisierung bei MCS unterschiedlichsten Chemikalengemischen bzw. Stoffen, wie Pestiziden, Lösemitteln, Verbrennungsprodukten, Zahnmetallen, Formaldehyd, Alkohol oder Drogen u.a. zugeschrieben. Nach Induktion einer MCS kann sie durch weitaus geringere Konzentrationen der Schadstoffgemische oder in der Folge auch von chemisch völlig andersartigen Substanzen ausgelöst werden, wobei ein beträchtlicher Teil der MCS-PatientInnen gleichzeitig Nahrungsmittel-, Alkohol- oder/und Arzneimittelunverträglichkeit aufweist.
Die Tatsache, dass auch Stress und Depression ähnliche psychische Symptome auslösen, wie sie MCS-PatientInnen zeigen, das Fehlen geeigneter Biomarker und einer allgemein akzeptierten Definition des Krankheitsbildes, zusammen mit dem Fehlen plausibler Vorstellungen über MCS-auslösende biologische Mechanismen haben bisher die Forschung über MCS entscheidend behindert. Möglicherweise fördern neuere Vorstellungen über die zentrale Rolle des limbischen Systems im Gehirn bei einer Vielzahl psychischer und physischer Funktionen und seine hohe Empfindlichkeit gegenüber chemischen Stoffen auch bei MCS die wissenschaftliche Erkenntnisfähigkeit.
Es ist lange bekannt, dass Geruchsreize eine starke Wirkung auf verschiedenste vegetative Funktionen ausüben können. Die Nervenendigungen und ihre Rezeptoren im Riechepithel der Nase stehen über die olfaktorischen Neurone mit dem limbischen System in direkter Verbindung. Dieser. entwicklungsgeschichtlich ältere Gehirnteil mit wichtigen, untereinander vielfach verbundenen Teilbereichen, wie Thalamus, Hypothalamus (u.a. die Vernetzungszentrale von Nerven-, Immun- und Hormonsystem), Hippocampus, Mandelkern u.a., bestimmt praktisch alle Körperfunktionen und - über seine komplexen neuronalen Vernetzungen mit der Grosshirnrinde - letztlich indirekt auch die psychischen Empfindungen bzw. Reaktionen und intellektuellen Leistungen des Gehirns. Bei empfindlichen Personen können geruchsintensive Gemische wie «Parfüm», «Gülle», Benzin an Tankstellen etc. z.T. extreme vegetative und zentralnervöse Reaktionen auslösen. Manche Holzschutzmittel-Geschädigten «riechen» geringste Konzentrationen des PCP/Lindan/Dioxin-Gemisches und reagieren u.a. mit Kreislauf- und Sehstörungen, akuter Atemnot, Lymphknotenschwellungen etc.. Es liegt nahe, dass die über die olfaktorischen Neurone in das limbische System übertragenen chemischen Reize dort geradezu «explosionsartig» verbreitet und verstärkt werden, mit der Folge von Überreaktionen oder Dämpfung/ Blockade unterschiedlichster Körperfunktionen. Die aus Tierversuchen bekannte Time-dependent Sensitization (TDS) und limbische Bahnung (limbic kindling), die sich durch chemische und nicht-chemische Reize auslösen lassen, zeigen auffällige Übereinstimmungen mit MCS beim Menschen.
Bei der Einwirkung von Gemischen neurotoxischer Substanzen sind mehrere Ebenen zu unterscheiden:
- neurotoxische Gemische können die frühe neuronale Entwicklung des Embryos sowie die peri- und postnatale Gehirnentwicklung beeinträchtigen; auf Rezeptorebene kann die Wirkung additiv oder sogar potenzierend verstärkt oder auch gehemmt werden: interessante Erkenntnisse verspricht die weitere Erforschung , des «Golfkrieg-Syndroms»;
- die Erforschung von «Rezeptoren» als spezifische Bindungsstellen körpereigener Wirkstoffe und mancher Xenobiotica zeigte bisher in zahlreichen Fällen die grosse Variationsbreite und Vielfalt lebender Strukturen, die sich erst im Laufe intensiver Forschungsarbeiten offenbart und von vornherein unterschätzt wird (Beispiele: «Cannabis-Rezeptor», «Morphin-Rezeptor» u.a.). Fortschritte in der Gehirnforschung, werden daher auch heute «unverständliche» Symptome bei MCS und ihre Ursache(n) aufklären helfen;
- bessere Kenntnisse über Signaltransduktion, und induzierte Zellaktivierungen in Zellverbänden werden die bei MCS zu beobachtende rasche Reizausbreitung im limbischen System besser verstehen lassen;
- die Immunregulation kann über zelluläre (z.B. Radikalbildung, Alkylierungen) Funktionsstörungen, Autoimmunreaktionen oder Hapten-Carrier-Reaktionen (kleine Fremdstoffmoleküle binden an grössere, körpereigene Moleküle., wodurch eine Immunantwort ausgelöst wird) gestört werden;
- genetische Defekte und andere Schädigungen, wie Erkrankungen, Mangelernährung, Arzneimittel, Drogen etc. sowie Wechselwirkungen zwischen Bestandteilen der Schadstoffgemische können die neurotoxische Wirkung verstärken; Veränderungen im Stoffwechsel (erworben oder genetische bedingt) verlangsamen die Schadstoffentgiftung und verstärken die Toxizität; Ein Mangel an Antioxidantien (biochemische «Radikalfänger») kann die toxische Wirkung freier Radikale auf das Immunsystem steigern;
- Porphyrin-Stoffwechselstörungen durch Umweltschädstoffe sind häufiger als bisher vermutet und werden auch mit der MCS-Symptomatik in Verbindung gebracht;
- eine nicht ausreichend empfindliche Diagnostik erkennt vorhandene Störungen nicht, die bisherigen «biochemischen Marker» sind unbefriedigend; die bisherige «Grenzwert-Ideologie» grenzt bewusst die Empflindlichen aus und produziert systematisch Fehleinschätzungen von Gesundheitsrisiken durch Schadstoff(gemisch)e;
- jeder Erkenntnisgewinn müsste unverzüglich zu einer vorsichtigeren «offiziellen» Einschätzung von Gesundheitsrisiken durch Schadstoffgemische führen.
Bei der «offiziellen Bewertung» von bisher nur wenigen toxischen Einzelstoffen («Human-Biomonitoring») werden durch eine Kommission des Umweltbundesamtes «Referenzwerte» von ausgewählten Bevölkerungsgruppen ermittelt, welche als «Hintergrundbelastung» mit dem zu bewertenden Schadstoff angesehen werden und bei welcher keine gesundheitliche Beeinträchtigung unterstellt wird. Gesundheitliche Relevanz wird dagegen bei der Herleitung der «Human-Biomonitoring-Werte HBM I und II» (in Blut und Urin) herangezogen, wobei der niedrigere HBM I-Wert eine «nach derzeitiger Bewertung unbedenkliche» Situation «ohne Handlungsbedarf» darstelle, der höhere HBM II-Wert «eine gesundheitliche Beeinträchtigung nicht ausreichend sicher ausschliessen» lasse und «Handlungsbedarf» erfordere. Auch wenn solche Werte aus administrativen und epidemiologisch-statistischen Gründen wünschenswert erscheinen, können sie im Einzelfall sinnlos sein und Fehldiagnosen fördern.
Hier seien nur einige Beispiele aufgeführt:
Die für Pentachlorphenol (PCP) abgeleiteten HBM I und II-Werte in Serum und Urin sind unbrauchbar, da in keinem Fall einer Holzschutzmittel-geschädigten Person chemisch reines PCP vorgelegen hat, sondern das bekannte PCP/Lindan/Dioxin/Lösemittel-Gemisch, dessen komplexe Toxikologie und Toxikokinetik nicht berücksichtig wird. Daher wundert es auch nicht, dass Holzschutzmittel-Exponierte die charakteristischen Krankheitssymptome zeigen, auch wenn ihre PCP-Werte unterhalb der HBM-Werte liegen und die Kommission deshalb glaubt, eine «Unbedenklichkeitsbescheinigung» ausstellen zu können.
Beispiel Formaldehyd: Es gibt genügend Anhaltspunkte für eine Beeinträchtigung menschlicher Gesundheit auch unterhalb des noch immer gültigen Grenzwertes von 0,1 ppm, wogegen der von der WHO vorgeschlagene Wert von 0.025 ppm hierfür keinen Anlass mehr gibt.
Beispiel Polychlorierte Biphenyle (PCB): Sie sind ein gutes Beispiel, wie die Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse einem ständigen Wandel unterliegt, die «offizielle» Bewertung jedoch weit hinterherhinkt. Die analytische Differenzierung in co-planare und nicht-planare (ortho-substituierte) PCB-Kongenere vor etwa 10 Jahren erlaubte auch die toxikologische Unterscheidung, dass erstere eher dioxinähnlich und letztere überwiegend neurotoxisch z.B. durch Störung des Dopamin-Stoffwechsels im Gehirn wirken. Da PCB, wie alle halogenierten persistenten Kohlenwasserstoffe, diaplazentar auf Embryo und Feten übergehen, wird bereits in der 2. Schwangerschaftshälfte der Leberstoffwechsel des Feten durch Enzyminduktion verändert. Was aber bedeutet die Belastung mit derartigen neurotoxischen Schadstoffen für die Entwicklung neuronaler Strukturen beim Embryo? Lässt die Erkenntnis, dass bei PCB-belasteten Säuglingen - neben Vitamin K-Mangel und Schilddrüsenfunktionsstörungen (mit allen sekundären negativen Folgen für die Entwicklung des Kindes) - die Raum- und Farbwahrnehmung beeinträchtigt ist, nicht vermuten, dass mit feineren sensomotorischen Testverfahren das wahre Ausmass der neurotoxischen Gehirnschädigung auch besser erkannt würde?
Trotz dieser heutigen differenzierteren Kenntnisse über die komplizierte Toxikologie der PCB-Kongenere und ihre z.T. hohe Toxizität wird auch weiterhin die toxikologisch völlig sinnlose «Summe PCB» - wie vor 20 Jahren - als Bewertungsgrundlage, auch von Bundesbehörden, benutzt. Immerhin hat die HBM-Kommission bisher nicht gewagt, die «Normbelastung der Bevölkerung mit PCB» abzusegnen...
Auch wenn diese Beispiele anscheinend nur indirekt, MCS-bezogen sind, so zeigen sie doch, dass eine dogmatische Festlegung und Handhabung von «Grenzwerten» den PatientInnen nicht gerecht werden. Manche GerichtsmedizinerInnen scheinen hier klüger zu handeln, wenn sie beispielsweise das klinische Erscheinungsbild des bei einem Blutalkoholgehalt von 0,5 Promille völlig Betrunkenen als wichtiger beurteilen, anstatt auf dem «nicht erreichten Grenzwert von 1,0 Promille» zu insistieren!
Umgekehrt geht es nicht selten in der «Umweltmedizin» zu: Das klinische Bild wird ignoriert, nicht erfasst oder fehlgedeutet. Dogmatische Messwerte werden gefordert zum Ausschluss einer Schadstoff-bedingten aber klinisch manifesten - (z.B. psychopathologischen) Befindllichkeitsstörung, die dann als «selbst-verschuldet» erkannt oder gar «auf Kindheitstraumen» zurückgeführt wird.
Es ist an der Zeit, durch intensive Forschung und erfahrene klinische Betreuung den MCS-PatientInnen die nötige Hilfe zu gewährleisten und den derzeitigen ideologisch-emotionalen Stellungskrieg zwischen BefürworterInnen und Gegnerinnen zugunsten der MCS-PatientInnen zu beenden.
Prof. Dr. rer. nat. 0. Wassermann, Institut für Toxikologie,
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Brunswikerstr. 10,
D-24105 Kiel, Tel. 0049 431 597 35 42
Literatur
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- Haley RW, Kurt TL, Hom J, Is there a Gulf War Syndrome? JAMA 227, 215-222 (1997)
- Damarowsky M, Wassermann O, Porphyrinopathien auf der Grundlage einer MCS-Erkrankung. Zeitung für Umweltmedizin 5, 251 - 255, 1997
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